Über politisches Gedächtnis: Interviews im brasilianischen Zusammenhang und darüber wie Wichtig eine

José Carlos Moreira da Silva Filho, Ex-Vizepräsident der Amnestie-Kommission; Miriam Burger, Opfer des Staats Terrors, Bárbara Conte und Josiane von “Clínicas do Testemunho” (Klinik des Zeugen) zeigen wie notwendig und sozial relevant eine Gedächtnispolitik ist.

Das Gedächtnis ist politisch.

Dieses Gedächtnis ist nicht nur dazu da, um in Museen dargestellt zu werden, sondern viel mehr um uns vor politischen Herausforderungen zu schützen und uns vorzubereiten um sie zu bewältigen.

“Wir haben gedacht, dass es in der Existenz Architektur keinen möglichen Raum zwischen Leben und Tod gäbe. Doch das Verschwinden hat einen stetigen Raum von Instabilität erfunden.“

So beschreibt Gabriel Gatti in seinem Werk das Vakuum, welches durch das Verschwinden von Opfern durch den Staatsterror entsteht. Und in Brasilien ist dieses Verschwinden doppelt: zum einen durch die Unzähligen, die während der Diktatur verschwanden und zum anderen durch das Verschweigen der Geschichte und einer fehlende Anerkennung der Verbrechen, welche vom brasilianischen Staat gegen seine Bevölkerung ausgeübt wurden. Miriam wurde gefoltert und danach floh sie nach Chile und Frankreich ins Exil, wo sie einige Jahre ihres Lebens verbrachte. Sie hat uns erzählt, dass die Gewalt welche sie erfahren hatte zu einer Art Tabu wurde über die man nicht einmal mit der Familie sprechen konnte.

Die Folgen der Gewalt durch den Staatsterror, der in Brasilien zwischen 1946 und 1988 ausgeübt wurde, betrifft nicht nur das Leben der Opfer und ihre Familien, sondern auch die Demokratie selbst. Ein Großteil der Reparationsmaßnahmen wurden bis heute noch nicht ausgeführt. Grund dafür ist das Amnestie-Verfahrens selbst, welches wie José Carlos Moreira Filho berichtet, zweideutig ist.

“Nach jahrelanger Unterdrückung der Amnestie-Bewegung während der Diktatur haben die Militärs schließlich der 'Amnestie nachgegeben' – zu ihren eigenen Bedingungen, als ob es eine Initiative der Militärregierung selbst gewesen wäre. Wenn es ein Wort gibt, welches die Amnestie in Brasilien am besten beschreibt dann ist es die ‘Zweideutigkeit’, denn es gab eine Seite, die ich als positiv betrachte. Ohne sie hätte die Re-Demokratisierung länger gedauert. Es gab Gruppen innerhalb der Streitkräfte die wollten, dass die Diktatur länger andauert und haben deshalb einige Attentate verübt. Diese Aktionen schrieben sie Gruppen zu, die sie als Terroristen bezeichneten und wollten somit die Fortsetzung der Diktatur rechtfertigen. Die Amnestie bedeutet einen Sieg innerhalb dieses Szenarios, denn sie führte schließlich zu der Re-Demokratisierung. Allerdings geschah diese Re-Demokratisierung auf 'langsame, schrittartige und sichere' Weise, wie es die Militärs bezeichneten. Sie kontrollierten alles und achteten darauf, dass alle möglichen und notwendigen Maßnahmen getroffen wurden, damit sich der Re-Demokratisierungsprozess sich nicht gegen sie selbst richtet, dass es keine Rechenschaftspflicht gibt und dass während einer langen Zeit keiner darüber spricht. Und das ist genau wie es schließlich auch stattgefunden hatte.“

José Carlos Moreira da Silva Filho ist Master in Rechtstheorie und -philosophie an der Bundesuniversität Santa Catarina (UFSC) und Doktor der Rechtswissenschaften und sozialer Beziehungen an der Bundesuniversität Paraná (UFPR). Professor der Fakultät für Rechtswissenschaft an der Päpstlichen Katholischen Universität in Rio Grande do Sul (PUCRS) und ex-Beiratsmitglied und ex-Vizepräsident der Amnestie-Kommission des Bundesjustizministeriums.

Deswegen wurden Themen über die Verantwortung und das politische Gedächtnis lange beiseite gelassen und es gab keine Regelung dafür. Bis dann schließlich 1995 in Brasilien die Kommission der politischen Toten und Verschwundenen gegründet wurde. Deren Arbeit wurde dann im Jahr 2005 von der Amnestie-Kommission fortgeführt. Das Wirken der Kommission brachte aufgrund der Aussagen der Betroffenen ein Gefühl der Ungerechtigkeit hervor. Schließlich kam es durch die Analyse der Prozesse es zu einer historischen Kehrtwende, wobei sich der Staat - stellvertretend durch die Kommission - bei den Opfern, die von ihrer Situation berichteten, entschuldigte.

Nachdem Brasilien vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt wurde, kam das Projekt „Clínicas do Testemunho“ (Kliniken der Zeugen), als ein Projekt im Rahmen einer Wiedergutmachung zustande. Die Psychoanalytikerin Bárbara Conte hat uns über die Wichtigkeit einer solchen Einrichtung erzählt:

“Wenn man zu einer Gerichtsverhandlung geht, müssen die Opfer ständig Beweise liefern. Sie müssen beweisen, dass sie von der Gewalt durch den Staat betroffen waren. Bei 'Clínicas do Testemunho' ist das nicht der Fall. Die Menschen werden unterstützt und müssen keine Beweise liefern. Ihre (Zeugen-) Aussage ist der Beweis.“

Barbará Conte hat einen Master in Psychologie an der Päpstlichen Universität von Rio Grande do Sul (PUCRS) und einen Doktor über Grundlagen und Entwicklung der Psychoanalyse an der unabhängigen Universität Madrid. Sie ist Mitglied der Sigmund Freud Vereinigung für Psychoanalyse, wo sie das Projekt SIG Psychoanalytische Interventionen und das Projekt ‘Clinicas do Testemunho’ leitet.

Das Projekt “Clinicas do Testemunho” (Kliniken der Zeugen) kam im Zusammenhang mit der Sigmund Freud Vereinigung für Psychoanalyse zustande. Es beinhaltet die psychische Behandlung der Opfer, deren Familien und Gruppen die durch die Gewalt des Staatsterrors zwischen 1946 und 1988 verletzt wurden. Die Verbrechen wurden systematisch begangen und sind bis heute nicht aufgedeckt. Eine Gedächtnispolitik ist von wesentlicher Bedeutung um uns vor der Gewalt durch den Staat zu schützen.

Livro Vó Alda (Buch der Oma Alda) – Sammlung von Erzählungen, herausgegeben im Rahmen des Projektes “Clinicas do Testemunho”.

Die Erinnerungen leben weiter und wir müssen uns mit ihnen auseinandersetzen.Vorallem politisch und vor allem wenn der Staat seine Verbrechen der Vergangenheit verschweigt und verschleiert.

Bald gibt es die kompletten Interviews als Video.

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