Porto Alegre: So viele Menschen ohne Zuhause - kaum zu glauben dass es so viel Behausung ohne Mensch

Laut IBGE (Brasilianisches Statistisches Bundesamt) sind 40 tausend Immobilien in Porto Alegre potentiell leerstehend. Zur selben Zeit gibt es eine große Anzahl an obdachloser Bevölkerung. Der Wohnungskrise zum trotz stößt die Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Sul auf Widerstand in Form eines Netzwerks von städtischen Besetzungen.

Es ist nicht schwer die Wohnungskrise in Porto Alegre ist bemerken: man muss nur durch die Straßen der Stadt gehen in denen man eine deutliche große Anzahl an obdachlosen Menschen antrifft. Sonderbar ist es jedoch, wenn man dies mit den Zahlen des Brasilianischen Instituts für Geographie und Statistik (IBGE) gegenübergestellt, welche 40 tausend Immobilien in der Stadt als potentiell leerstehend darstellen, ausschließlich der Immobilien welche aufgrund von Immobilienspekulationen nicht genutzt werden.

“Wenn wohnen ein Privileg ist, dann ist besetzen ein Recht”

(Parole an die Wand einer der Besetzungen geschrieben)

Angesichts dieser Zahlen sind einige soziale Bewegungen dabei diese Tatsachen zu hinterfragen und umzukehren. Sie kämpfen für das Recht auf würdigen und angemessenen Wohnraum. Wir haben einige der Besetzungen - welche als Zufluchtsort für vielzahl von Familien dienen - besucht und konnten ein bisschen von dem aufzeichnen, was bei dreien davon vor sich geht: Utopia e Luta (Utopie und Kampf), Mulheres Mirabal (Mirabal Frauen) und Lanceiros Negros (Schwarze Lanciers)

Flagge der autonomen Gemeinschaft Utopia e Luta

Die autonome Gemeinschaft Utopia e Luta (Utopie und Kampf) steht, im Vergleich zu den anderen Besetzungen Brasiliens, vor einer außergewöhnlichen Situation. Das Gebäude, welches sich im Stadtzentrum befindet, wurde 2005 während des Weltsozialforums besetzt. Heute ist es die einzige Genossenschaft welche eine offizielle Regulierung der Immobilie durch das Programm Crédito Solidário (Solidarischer Kredit), vergeben durch die Bundesregierung erlangt hat. Das Gebäude besitzt 9 Stockwerke und es wird von über 40 Familien bewohnt. Dennoch dienen die Räume nicht nur ausschließlich zu Wohnzwecken. Neben der Gemeinschaftswäscherei besitzt das Gebäude auch einen Kulturraum und ein gemeinschaftliches, hydroponisches Gewächshaus auf der Dachterrasse des Gebäudes. Außerdem ist dort auch der Sitz der solidarischen Genossenschaft Utopia e Luta (Coopsul genannt) welche Workshops über Siebdruck, Bäckerei, Schneiderei und Näherei im Rahmen des Programms “plantando alternativa, gerando sustentabilidade” (Alternativen pflanzen, Nachhaltigkeit erzeugen) organisiert und anbietet.

Fassade der Besetzung Lanceiros Negros

Die Bewegung Movimento de Luta nos Bairros, Vilas e Favelas (MLB)* unterstützt die Bevölkerung in Risikosituation Porto Alegres sehr. Ihre Mobilisierung war bei der Besetzung von Lanceiros Negros und Frauen Mirabal sehr wichtig. Lanceiros Negros ist eine Besetzung des ehemaligen Sitzes der Staatsanwaltschaft vom Bundesstaat Rio Grande do Sul, welcher vor der Besetzung während 12 Jahren leerstehend und verwahrlost war. Das Gebäude wurde im November 2015 besetzt und beherbergt heute 70 Familien. Priscila erzählt uns über ihre Erfahrung der Besetzung:

“Ich wohne hier mit meinen Kindern Arthur und Enzo. Nachdem wir hier angekommen sind, wurde alles besser. Wo wir vorher gewohnt haben war ein Randbezirk - eine Favela (Slum) - es gab viele Schießereien, viel Polizei. Viel Gewalt! Hier gibts das nicht. Hier können die Kinder auf den Spielplatz gehen und haben Zugang zur Gesundheitsversorgung. Ihr Leben hat sich um 100% verbessert.”

*Bewegung für den Kampf in Außenbezirken, Slums und Armenvierteln

Priscila - Bewohnerin von Lanceiros Negros

Die letzte Besetzung welche wir besuchen konnten war Mulheres Mirabal (Mirabal Frauen), welche am 25 November, dem internationalen Tag für die Abschaffung von Gewalt gegen Frauen stattfand. Der Name ist eine Würdigung der Mirabal-Schwestern, welche gegen die Diktatur in der Dominikanischen Republik gekämpft haben und am 25. November 1960 hingerichtet wurden. Minerva, Patria und María Teresa Mirabal, auch als Schmetterlinge bekannt, wurden zum Symbol für die Stärke und Widerstand der Frauen in Lateinamerika.

Die Besetzung wurde von der Frauenbewegung Olga Benário (MMOB) zusammen mit der Forderung eines Referenzzentrums durchgeführt, um den Frauen der Stadt zu helfen. Bis heute gibt es in Porto Alegre lediglich eine Zufluchtsstätte mit 48 Plätzen und ein Referenzzentrum, welche der Nachfrage einer Bevölkerung von über 700 tausend Frauen nicht gerecht werden. Nataniele, Bewohnerin und Mitglied des MMOB erklärt uns über ihre Forderung:

Nataniele - Frauenbewegung Olga Benário (MMOB)

“Die Idee ist es ein Referenzzentrum für Frauen, die Gewalttaten zum Opfer gefallen sind aufzubauen und zwar Gewalttaten jeglicher Art. Nicht nur physische sondern auch psychologische, patrimoniale sowie institutionelle Gewalt. Wir glauben, dass nicht nur der Lebensgefährte die Frau angreift, sondern auch der Staat. Wenn der Staat keine Alternativen für die Mütter anbietet, damit auch sie arbeiten können oder wenn es in öffentlichen Gesundheitseinrichtungen keine Ärtze für sie - also keine Gynäkologen- gibt...denn das sind die Dinge die fehlen. Und dann zum Thema Wohnraum, wenn die Frau keine angemessene Wohnung hat, keine Arbeitsstelle um die Kinder zu versorgen. Wir versuchen alle diese Themen in unseren Kampf mit einzubringen. (...) Wenn Sie keine gute öffentliche Politik machen, dann machen wir es eben mit dem was wir haben. Dann besetzen wir eben und richten ein angemessenes Referenzzentrum ein, um den Notwendigkeiten der Frauen gerecht zu werden.”

Fassade der Besetzung Frauen Mirabal (Mulheres Mirabal)

Die Besetzung steht immer noch vor einer schwierigen Auseinandersetzung gegen die Besitz-Wiedereingliederung des Gebäudes. Falls dies stattfinden sollte, wären die Frauen die dort aufgenommen wurden hilflos und wüssten nicht wohin sie gehen könnte. Im Hinblick auf die Tatsache, dass der Zugang zu Behausungen immer schwieriger wird und die Anzahl von obdachlosen Menschen stetig zunimmt, sollte man dringend über die soziale Funktion des Besitztums und die diesbezüglich fehlende Gesetzgebung nachdenken.

Bald gibt es ein Video mit all den Leuten, die mit uns ein bisschen von diesen vielen Kämpfen für Behausungen in Porto Alegre geteilt haben.

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